Die Architekturführer des Verlags DOM publishers & 2 Fotobände zum Thema Architektur im Osten



Herkömmliche Reiseführer decken meine Bedürfnisse oft nicht ab. Sie zeigen ein paar markante Gebäude, die typischen architektonischen Touristenhighlights, der Großteil der architektonischen Geschichte einer Stadt bleibt aber meistens unerwähnt. Ohne den großartigen Fotoband CCCP – Cosmic Communist Constructions Photographed wäre ich in Kasachstan (Artikel folgt) an vielen Gebäuden unwissend vorbeigelaufen.

Und die jüngst erschienene Publikation Socialist Modernism mit Fotos von Roman Bezjak zeigt Architektur aus dem Osten (aber auch aus Deutschland), die oft erst auf den zweiten Blick spannend ist – wie Plattenbausiedlungen oder Warenhäuser, Bauten, von denen sicher viele in den nächsten Jahren abgerissen werden, weil sie nicht spektakulär genug sind, um unter Denkmalschutz gestellt zu werden. Genau solche Bücher brauche ich, bevor ich auf Reisen gehe: Sie schärfen das Auge für Details, für Gebäude, die so alltäglich wirken, dass man sie glatt übersehen würde. Dabei erzählen gerade sie so viel vom Alltag und von der Geschichte dieser Städte.

Den Berliner Verlag DOM publishers habe ich erst kürzlich entdeckt. Der Architekturführer Moskau ist mir schon durch sein Äußeres ins Auge gesprungen: Er glänzt – durchaus passend zur Stadt – in protzigem Gold. Und Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ist dem Verlag sogar einen Doppelband wert. Die einzelnen Bände folgen keinem Schema: Der Architekturführer Tokio etwa ist nach Stadtbezirken geordnet – die spacigen Fahrkartenautomaten sind ebenso abgebildet wie die noch immer sehr moderne Botschaft von Kuwait aus dem Jahr 1970 mit ihren lose übereinandergestapelten Sichtbetonkuben. Die Texte zu den Gebäuden sind informativ, sie erklären den Stil der Architekten und ihre Einflüsse. Der prächtige Moskau-Band gliedert sich nach Epochen von „Architektur bis 1850“ über „Moskau unter der Stalin-Diktatur“ bis zu „Moskau im Turbokapitalismus“. In den einführenden Essays wird die russische Suche nach Identität anhand der Bauten befragt, aber auch die Rahmenbedingungen für Architekten in der Bauboom-Stadt Moskau analysiert. Und ein Aufsatz gibt Einblick in das bei uns bislang kaum bekannte russische Design und zeigt etwa den futuristischen Samowar SAM.

Publikationen über Nordkorea ähneln einander im Allgemeinen viel zu sehr. Das liegt daran, dass die Diktatur Ausländern noch immer sehr skeptisch gegenübersteht, vieles in Pjöngjang ist nicht frei zugänglich. Philipp Meusers Architekturführer Pjöngjang leistet beeindruckende Pionierarbeit: Er zeigt nicht nur die bekannten Kim-Il-Sung-Repräsentationsstätten und die gigantischen Kulturbauten, sondern auch die vielen Brücken der Stadt, Wohnhausanlagen oder Geschäfte wie einen Friseursalon.

Knapp 100 Bauten sind abgebildet. Meuser sucht nicht das Spektakuläre, er nähert sich der Stadt möglichst umfassend an. Wie liebevoll die Bände gestaltet sind, weiß man wahrscheinlich erst zu schätzen, wenn man schon in Nordkorea war: Für die Innenseite des Umschlags wurde jenes Papier verwendet, das man in Nordkoreas Geschäften zum Einpacken von Einkäufen nimmt.

Aber auch die Texte sind fundiert und bringen viel Neues: Der gesamte zweite Band besteht aus Aufsätzen. Meusers einführender Essay führt durch Pjöngjang und ersetzt eigentlich jeden anderen Reiseführer, so umfassend und genau ist er. So erklärt Meuser auch aktuelle Entwicklungen, etwa dass der Bau am einstigen Wahrzeichen der Stadt, dem lange als Bauruine vor sich hin gammelnden Ryugyong Hotel, wieder aufgenommen wurde. Ein Aufsatz analysiert die Symbole, die man in Pjöngjang überall findet, etwa die Blumenornamente, die viele Gebäude verzieren. Die Kimilsungia-Orchidee ist omnipräsent in der Stadt, sie ist sozusagen das liebliche Antlitz einer grausamen Dikatur. Außerdem werden Kim Jong-ils Überlegungen zur Baukunst erklärt und die Propagandaplakate in der Stadt beschrieben. Der Architekturführer Pjöngjang eignet sich als praktischer Reiseführer ebenso wie als informative Heimlektüre über eines der nach wie vor rätselhaftesten Länder der Welt.



Mehr Bilder zum Band CCCP hier

Bildgalerie zum Pjöngjang Reiseführer im Spiegel hier



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One Response to Die Architekturführer des Verlags DOM publishers & 2 Fotobände zum Thema Architektur im Osten

  1. Chefkoch says:

    Manchmal kann man sich nur Fragen, was diese Art Architektur eigentlich soll.

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