Die Costa di Maratea: Semmering am Meer in den 50ern

Mein Vorsatz für die nächsten Jahre ist, mindestens einmal im Jahr ans Meer zu fahren, selbst wenn ich pleite bin. Am liebsten im Pensionistenstil: total unaufregend und irgendwie altmodisch, so ein bisschen wie in einem Heimatfilm mit Conny Froboess und Peter Kraus. Italien war immer schon eines meiner liebsten Reiseziele (ja, auch wegen des herrlichen Essens). Dieses Jahr habe ich mein perfektes Urlaubsdomizil gefunden: die Küste von Maratea. Sie gehört zu einer der ärmsten Regionen Italiens, der Basilicata. Reiseberichte erwähnen gerne, dass Goethe die Basilicata auf seiner Italienreise umschifft habe – und ganz ehrlich, das würde der kulturbeflissene Schriftsteller wohl auch heute noch tun! Er würde wahrscheinlich wie Peter Stein Oliven in der Toskana anbauen. Und das ist für mich schon zu aufregend.

An der Costa di Maratea trifft ein kitschig türkisblaues Meer auf eine üppig grüne Berglandschaft. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein: Der Obstverkäufer gondelt mit seinem kleinen Wagen täglich über die kurvig-steilen Küstenstraßen, ein klappriger Zug quert hie und da die nebelverhangene Hügellandschaft, ansonsten stört nichts das verschlafene 50er-Jahre-Flair. Egal ob man über Kalabrien oder Kampanien anreist, die luxuriöse Abgeschiedenheit Marateas – eingezwängt zwischen das (streckenweise) touristisch verbaute Kalabrien und das ebenso wenig charmante Sapri in Kampanien – sticht sofort ins Auge. Hier gibt es kein Pauschalangebot, keine Strandbars mit Beschallung, keine Loungemöbel, keine Loungemusik (nur bei der Buchung von Hotels sollte man vorsichtig sein: Italiener lieben Abendunterhaltung mit Karaoke und Panflötenmusik! – oft konnten wir das aus den nahe gelegenen Hotels hören). Beschauliche kleine Sand- und Kieselstrände und eine üppige Vegetation – leuchtend blaue Hortensien, riesige Kakteen, fuchsienfarbene Kaskaden von Bougainvilleen und Oleander in allen Farben – runden das Setting für den perfekten Heimatfilm-Urlaub ab. Man fühlt sich zeitweise wie in der Truman Show: Manchmal schwimmt man ins Meer hinaus und fürchtet beim Zurückschwimmen, dass die Landschaft nur ein künstliches Setting sei – was hat der Semmering am Strand verloren? Und wo, bitte schön, bleibt Peter Alexander?



Die Hauptstadt Maratea teilt sich in den belebten Hafen mit seinen Restaurants und die charmant-marode Altstadt am Hügel. Egal wo man sich befindet, verfolgt einen der Blick des Redentore von Maratea, einer riesigen Jesus-Statue. Man ist ja schließlich im katholischen Italien … Die an das Wahrzeichen von Rio de Janeiro erinnernde Statue wurde 1965 am höchstgelegenen Punkt von Maratea errichtet und ist über eine steile Straße zu erreichen. Von hier aus hat man einen sensationellen Blick auf die gebirgige Küstenlandschaft.


In der Altstadt findet man nette kleine Geschäfte und Konditoreien. Maria Rosa und ihr Bruder Giuseppe Brando etwa, die mit ihrem süditalienischen Charme jedes Casting für einen Mafiafilm bestehen würden (Giuseppe sieht aus wie Junior Soprano, und Maria Rosa ist mindestens so abgebrüht wie seine Serienschwester), verkaufen in ihrem Geschäft, der Antica Casa del Tessuto dal 1888, hochwertige regionale Produkte aus Leinen, vom Geschirrtuch bis zur Bettwäsche. Hier wird gehandelt, was das Zeug hält. Das Caffè e Dolcezze führt traditionelle Dolci und Liköre der Antica Pasticceria Iannini und die Pasticceria Panza beeindruckt mit Kleingebäck aus Mandeln und Nüssen. Die Region ist auch kulinarisch nicht uninteressant. Dass hier der berühmte TV-Koch Antonio Carluccio einst sein erstes Kochbuch verfasst hat, kann man angesichts der regionalen Produkte gut verstehen. Die Küche beeindruckt allerdings eher durch qualitative Zutaten als durch besondere Raffinesse oder gewagte Kombinationen.

Der Wochenmarkt in Lagonegro etwa ist unglaublich: weiße und schwarze Maulbeeren, verschiedenste Kohlsorten von Cima di Rapa bis zum Stängelbroccoli, Mispeln und eine reiche Käsauswahl. Bekannt ist die Region aber vor allem für ihre Salumi, Wurstprodukte. Beim Käse dominieren der ausgezeichnete Caciocavallo in Granatenform (den man in nicht so reifer Form auch gerne grillt) und der überdurchschnittlich gute Ricotta, und natürlich stehen Fisch und Meeresfrüchte ganz oben auf den Speisekarten. Auch der bekannteste Wein der Region, der Aglianico del Vulture, ein schwerer Rotwein, ist im Moment angesagt. Eine regionale Spezialität, die man auch auf Sizilien findet, ist der wilde Fenchel, der zu vielen Gerichten, aber auch zu Likör verarbeitet wird. Aus dem nur wenige Kilometer entfernten Kalabrien kommen Spezialitäten aus Zedern (unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen – Zedernsorbet sieht nicht nur aus wie Calippo Limone, es schmeckt auch so), aber auch der Peperoncino in rauen Mengen.


Nichts überfordert einen hier, nichts ist zu viel. Die Basilicata scheint auch ruhiger zu sein, als man es von Italien üblicherweise kennt. Oft kommt man sich vor wie in einem Kurort der Jahrhundertwende, nur ein bisschen beschwingter.*

Adressen

Panza
In diesem winzig kleinen, gut versteckten Laden bekommt man allerlei Süßigkeiten. Neben der Cassata lucana und der Torta caprese sind besonders die Kekse mit Nüssen wie auch die Amaretti zu empfehlen.

Angiporto Cavour 9

Caffè e Dolcezze
Traditionelle Dolci und Liköre der Antica Pasticceria Iannini.

Maratea, Piazza Buraglia 19

Il Giardino di Epicuro
Il Giardino di Epicuro hat es als eines der wenigen Restaurants der Gegend in den Slow-Food-Führer geschafft. Hier gibt es traditionelle lukanische Küche aus regionalen Produkten. Die Bauern aus Massa überzeugen vor allem mit selbst gemachten Salumi, Käse und Likör (Finocchietto oder Limoncello). Frische Pasta: Ravioli mit Ricotta und Trüffel, Cavatelli mit Sauce von Wildschwein und Podolicarind. Aglianico del Vulture natürlich auch.

Massa di Maratea, 0973870130

Da Cesare
Da Cesare ist das beliebteste Restaurant unter Einheimischen wie Touristen. Hier bekommt man schlichte Fischküche.

Via Nazionale 52, Cersuta, 0973871840

Die besten Strände
Castrocucco beendet im Süden mit einem kilometerlangen Sandstrand den Steilküstenabschnitt. Eine Besonderheit sind die schwarzen Lavastrände bei Cersuta. Ansonsten zahlreiche kleine Strände.

Hotels
In Maratea gibt es zahlreiche Hotels. Keine großen Anlagen. Die Hotels, die ich gesehen habe, waren fast alle eher eigenwillig eingerichtet. In dieser Hinsicht bin ich dem Pensionsalter noch nicht nah genug. In der Nebensaison ist es sicherlich kein Problem, eine Unterkunft vor Ort zu finden.

* Ich gehe davon aus, dass man nicht so verrückt ist, in der Hauptsaison und vor allem Mitte August nach Italien ans Meer zu fahren. Ideal sind Juni und September, auch wenn man dann und wann allein in den Restaurants sitzt.

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3 Responses to Die Costa di Maratea: Semmering am Meer in den 50ern

  1. Saskia says:

    Oooh, das sieht so toll aus, wir haben direkt mal unseren Paris-Trip übern Haufen geworfen und sind am Road-Trip planen! :)

  2. Anne-Marie says:

    Schaut toll aus, sollte man gar nicht weitersagen, oder …

  3. Helma says:

    Stimmt. Den meisten ist die Anreise aber ohnehin zu mühsam! Die Hotelsuche ist auch nicht einfach (wir hatten eine Ferienwohnung, was ich sehr empfehlen kann). Viele bevorzugen sicher auch etwas “nostalgischere, geschichtsträchtigere” Orte in Italien. Mir hat diese Schlichtheit einfach imponiert. Unglaublich entspannend!

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