Teufelsköche. An den heißesten Herden der Welt von Juan Moreno

Juan Moreno Teufelsköche c Mirco Talierco
In seinem Buch Teufelsköche zeichnet der Journalist Juan Moreno 17 Porträts von Menschen, in deren Leben Essen eine essenzielle Rolle spielt. Hier geht es nicht um edle Speisen oder ausgefeilte Gerichte, sondern, wie der Untertitel verspricht, um Reportagen von den „heißesten Herden der Welt“: um eine asiatische Pornoköchin, die auf youtube ihr Talent beweist, den ehemaligen Leibkoch von Idi Amin, Erich Honeckers Küchenchef, einen Mann aus Nigeria, der von nichts anderem träumt als Koch bei McDonalds zu werden, eine Frau, die in Nairobi mitten auf einer Müllhalde kocht, um zu überleben, oder den verurteilten Vergewaltiger, der im Todestrakt eines texanischen Gefängnisses schon mehr als 200 Henkersmahlzeiten zubereitet hat. Moreno gelingt es, diese oft dubiosen Kochnerds zu porträtieren, ohne je reißerisch zu werden. Der Süditaliener Gerry Adesso etwa (auf dem Buchcover mit Messer und Zigarre abgebildet) kam als Dreher nach Deutschland. Beim Importieren von verdorbenem Fisch aus Italien nach Deutschland fasste er den Entschluss, Koch zu werden, denn von da an war er überzeugt, dass die Deutschen alles essen würden. Er war erfolgreich, die Münchner Schickeria fraß ihm in seinem Restaurant Il Gattopardo quasi aus der Hand. Jetzt sitzt Adesso wegen Drogenhandels im Knast, wo er eine Weile die Zelle mit Holger Pfahls, dem ehemaligen deutschen Staatssekretär, teilte. Moreno lässt ihn ohne Ende fluchen, zeichnet aber gleichzeitig den Werdegang eines liebenswerten Schlitzohrs aus dem armen Süditalien zum Darling der verkoksten Münchner Oberschicht.

Bild Moreno

Moreno bleibt bei diesen Geschichten nie an der Oberfläche, er schönt nichts, er verschweigt nichts, auch wenn er oft mit begnadeten Lügnern und Verdrängern konfrontiert ist. Z. B. mit Frank Pellegrino, dem Besitzer des Rao’s in New York. Dort bieten Gäste schon mal 40 000 Dollar, um ein wenig sizilianische Hausmannskost zu bekommen. Es ist zwecklos: Nur für den Papst oder (amtierende!) Präsidenten nimmt Pellegrino, den einige aus The Sopranos oder als Johnny Dio in Goodfellas kennen, kurzfristige Reservierungen an. Er hat sogar schon Pop-Queen Madonna und Bill Clinton (nach seiner Amtszeit) abblitzen lassen. Woody Allen oder Martin Scorsese wiederum haben sogar einen Stammtisch. Aber das ist nur ein Teil von Rao’s Geschichte: Rao’s war lange Zeit ein Treffpunkt der Mafia. Pellegrinos Onkel, den Gründer von Rao’s, hielt man beim FBI lange für den Consiglieri – Ratgeber – der Lucchese-Familie, einer von fünf New Yorker Mafia-Familien in den 1950er- und 1960er-Jahren. Darüber schweigt sich der sonst recht geschwätzige Pellegrino geschickt aus.

Ein anderer Schauplatz. An dem droht als einzige Gefahr das Idyll: Graubünden in der Schweiz. Hier kocht Ottavia Fasser seit über 40 Jahren in einem Gasthaus wie aus einem Manufactum-Katalog. Die gefeierte Köchin wurde von ihrer Familie mehr oder weniger in dieses authentische Leben gedrängt. Gerade in dieser heilen Welt zeigt sich, wie gut Moreno zuhören kann. Er geht der Idylle erst gar nicht auf den Leim, sondern legt die Einschränkungen, die ein solches Leben mit sich bringt, offen. Ähnlich ergeht es ihm bei der „Pornoköchin“ Nurse Tifa in Portland. Die angeblich von Natur aus großbusige Asiatin hat einiges zu verdrängen, vor allem ihren Ehemann. Der hat sich die Geschäftsidee ausgedacht, Clips von seiner freizügig gekleideten Frau beim Kochen auf youtube zu stellen. Zuseher: 10 800 000!

Auch die Geschichte Otonde Oderas ist zweischneidig. Er war der Leibkoch Idi Amins. Amin galt als einer der brutalsten Diktatoren Afrikas. Der stämmige Analphabet wollte bei offiziellen Anlässen gerne wie folgt vorgestellt werden: „Seine Exzellenz Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Aj Haddji Doktor Idi Amin Dada, Träger des Victoria-Kreuzes, des Militärkreuzes, Herr aller Kreaturen der Erde und aller Fische der Meere und Eroberer des britischen Empires in Afrika im Allgemeinen und Ugandas im Speziellen – und Professor für Geografie.“ Auch Odera war Analphabet, und niemals hätte er damit gerechnet, es mit seiner Kochkunst bis in den Präsidentenpalast zu schaffen. Sein Leben dort war selbst an europäischen Verhältnissen gemessen luxuriös. Er ignorierte einfach Amins Schreckensherrschaft, die von willkürlicher Gewalt geprägt war.Otonde Odera TeufelsköcheWer den Diktator etwa mit dem Auto überholte, hatte sein Todesurteil unterschrieben. Das konnte Odera egal sein. Der kolossale Diktator erwies sich als dankbarer Esser, der seinen Koch regelmäßig beförderte. Das lange Zeit kursierende Gerücht, Amin würde auch seine Feinde verspeisen, kann sein ehemaliger Leibkoch nicht bestätigen, durchaus aber dessen ausgeprägten Hang zu kulinarischer Opulenz. Spätestens als man Amins Frau zerstückelt, die Gliedmaßen verkehrt an den Rumpf genäht, auffand, wurde Ondera klar, dass sein Chef unberechenbar war. Auch er hätte um ein Haar so geendet. Heute lebt er verarmt in einer Lehmhütte in Kenia.

Ein weniger „guter Esser“ war hingegen der politische Machthaber der DDR. Erich Honeckers Koch Roland Albrecht war immer schon ein Gourmet, als solcher im deutschen Sozialismus aber sehr einsam. Er gibt sich immer noch erstaunt über Honeckers Einfältigkeit in kulinarischen Belangen – „ein Mann von fast beleidigender Farblosigkeit“ –, der immer nur Kassler und Blutwurst wollte und Banketts so plante, dass er früh ins Bett kam. Roland Albrecht ist ein gutes Beispiel für Morenos Behauptung, dass Köche die besten Geschichten erzählen. Umgekehrt muss Juan Moreno ein grandioser Koch sein.

2 Gedanken zu „Teufelsköche. An den heißesten Herden der Welt von Juan Moreno

  1. katha

    gutes buch, liegt gerade neben der jobs-bio auf meinem nachtkastl. bloß ist mit der papierwahl was schiefgegangen, das ding ist extrem schwer und damit leider nicht transporttauglich (zum weiterlesen unterwegs).

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