Brot macht sexy

Italian actress Sophia Loren prepares an Italian dish, circa 1965. (Photo by Archive Photos/Getty Images)

Italian actress Sophia Loren prepares an Italian dish, circa 1965. (Photo by Archive Photos/Getty Images)

Gestern im Bioladen im 9. Bezirk: Eine Frau verkündet aus heiterem Himmel, sie trinke jetzt keine Milch mehr. Auf facebook predigen FreundInnen Avocadosmoothies – gluten- und laktosefrei. Und auch im Büro kommt auf vier KollegInnen eine mit Histaminintoleranz. Woher kommen plötzlich all die AllergikerInnen?

Im Schulbus irgendwann in den 1990er-Jahren bin ich oft neben einem Mädchen gesessen, das unter Zöliakie litt. Ihren Namen weiß ich nicht mehr, aber von ihrer exotischen Krankheit war ich fasziniert. Ich dachte immer, dass sie deswegen so farblos aussehen würde und hatte total Mitleid mit ihr – sie fuhr in den Ferien immer auf katholische Pilgerfahrten. Heute würde sie für ihren unfreiwilligen Glutenverzicht wahrscheinlich Anerkennung bekommen. Und auch massenhaft Produkte, die ihr das Leben mit ihrer Krankheit erleichtern. Denn obwohl nur 0,3 % der Deutschen (wahrscheinlich auch der ÖsterreicherInnen) unter Zöliakie leiden, ernähren sich inzwischen 9 % als hätten sie die Krankheit, bei der man kein Gluten verträgt (die übrigens  heftig verläuft und nicht nur ein leises Bauchgrummlen verursacht) und somit u. a. auf Weizen, Roggen, Gerste und Hafer verzichten muss. Der durchschnittlich sortierte Supermarkt kann inzwischen mit unzähligen glutenfreien Produkten aufwarten, die früher nur in Spezialgeschäften erhältlich waren.

Mediterrane Diät war gestern, heute ist Detox

In Hollywood ist eine Ernährungsweise ohne Gluten ein unaufhaltsamer Trend und auch Miley Cyrus postete erst unlängst „gluten sucks“. Zahlreiche Stars von Victoria Beckham über Miranda Kerr bis zu Ryan Gosling schwören auf eine glutenfreie Ernährung.  Aber nicht nur das Klebereiweiß ist unter vielen Ernährungsaposteln ein Feind: auch Histamin, Laktose und Fruktose stehen ganz oben auf der Liste der Nahrungsmittel, die die Überflussgesellschaft das Fürchten lehren. Gwyneth Paltrow propagierte neuerdings sogar, man solle auf Nachtschattengewächse wie Tomaten, Paprika, Auberginen, Rhabarber und Kartoffeln verzichten. Die blonde Sauberfrau folgt „Dr. Joshi’s Holistic Detox“. Wie auch Kate Moss. Erstaunlich, dass das britische Modell, das den Spruch „Nothing tastes as good as skinny feels“ geprägt hat, das raucht und für andere Exzesse bekannt ist, ausgerechnet bei diversen Gemüsesorten in Panik gerät. Blättert man einige aktuelle Ernährungsratgeber durch, gibt es unzählige Produkte, denen man nicht trauen kann: Nichts ist sicher, ob Tomaten, Erdnüsse, Tofu oder Tempeh, es gibt für alles Argumente und besonders viele Gegenargumente. Was vor 10 Jahren noch ein Superfood war, kann dich heute „verschlacken“. Alles ist auf Entgiften eingestellt, das Leben ein einziges Detox, ein Verzicht, eine Fastenkur. Milch verschleimt, Tofu ebenso, Gluten verklebt die Arterien und Kohlenhydrate machen sowieso blöd wie der Gesundheitsapostel Ulrich Strunz in seinem neuesten Ratgeber „Nudeln machen dumm“ behauptet. „Weissmehl macht unfruchtbar, dick und süchtig“ ist der allererste Treffer für Weißmehl auf google.de. Wie haben die ItalienerInnen bloß die letzten Jahrhunderte überlebt?

Laut der Journalistin Susanne Schäfer haben die Menschen heute regelrecht Angst vor Essen und verschiedenen Nahrungsmitteln. Das Zauberwort am Markt ist neuerdings nicht mehr „mit“ (künstlich zugesetzten Vitaminen, Mineralstoffen etc.) sondern „ohne“ (Laktose, Gluten, Histamin etc.). Das vor Kurzem erschienene Buch der Journalistin „Der Feind in meinem Topf“ ist keineswegs eine respektlose Polemik gegen AllergikerInnen, sondern hinterfragt bestimmte Lebensmittelhypes, bzw. den mehr oder weniger unbegründeten Ausschluss bestimmter Lebensmittel von besorgten KonsumentInnen. Dabei begibt sie sich auch auf die Suche nach allen möglichen dubiosen Allergietests, die derzeit praktiziert werden – auch von ÄrztInnen. Schließlich wird die Autorin selbst in unterschiedlichsten fragwürdigen Verfahren als allergisch auf Gluten, Zucker, Histamin, Fructose und Laktose diagnostiziert, auch wenn sie abgesehen von Müdigkeit und manchmal Bauchschmerzen beschwerdefrei durchs Leben geht.

Die Lebensmittelallergie als „Der feine Unterschied“

Susanne Schäfer spricht (siehe auch Bauchgrimmen) von der neuen „Innerlichkeit“. Der Mensch von heute ist andauernd beschäftigt mit seinem Körper. Egoismus mit der Tarnkappe des Sensibelchens. Man greift sich auf den Bauch, hört in sich hinein, man hat ja Zeit dazu. Die, die keine haben, sind Barbaren. Eine Lebensmittelallergie ist der „feine Unterschied“, verleiht einem den Hauch des Besonderen, zeigt, dass man sich sorgt um seinen Körper und nicht alles wahllos in sich hineinstopft. Auch der Ernährungswissenschaftler David L. Katz steht dem Trend des irrationalen Verzichts auf diverse Lebensmittelgruppen ratlos gegenüber. Er erklärte unlängst im Zeitmagazin: „Stellen Sie sich vor, wir wären uns alle einig, dass die Regeln für eine gesunde Ernährung simpel sind. Was stünde dann in den Frauenzeitschriften? Und in den Männerzeitschriften übrigens auch. Welche Geschichte würde man den Leuten verkaufen?“ Laut Katz bedeutet gesunde Ernährung einfach mehr Gemüse zu essen. Scheinbar ist das eine der wenig gesicherten wissenschaftliche Erkenntnisse in Sachen Ernährung.

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Kartoffeln statt Chia 

Sollte man also Ernährungshypes nicht mit mehr Misstrauen begegnen? Sich nicht mehr vor einer Essstörung fürchten als vor bestimmten Lebensmitteln? Die Existenz von Histaminintoleranz ist umstritten, ob Milch wirklich verschleimt, ist absolut nicht sicher und auf Gluten zu verzichten, bringt Menschen, die nicht an Zöliakie leiden, denkbar wenig. Klar, durch den oft damit einhergehenden Verzicht auf Kohlenhydrate (die meisten „glutenfree“-Konzepte sind darauf angelegt) verliert man Gewicht. Ein wesentlicher Faktor in unserer Überflussgesellschaft. Aber wahrscheinlich klappt es auch weniger zu essen, wie es schon die Generationen vor uns gemacht haben oder auch Kohlenhydrate ohne Fette zu konsumieren (was sicher wieder bald zum nächsten neuen, alten Diät-Trend avanciert). Unter den „Superfoods“ wie Gojibeeren oder Chiasamen befinden sich laut neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch weißer Reis (kalt), Kartoffeln (ebenso kalt) und Weißbrot (Glutenalarm!!) – allesamt Garanten für eine gesunde Darmflora. Und wie wäre es Mal mit Sauerkraut statt Acaibeeren? Ersteres würde dank der bei der Fermentation entstehenden Bakterien bestimmt jeden Wettbewerb in Sachen Gesundheit gewinnen. Kartoffelsalat statt weit gereistem Chia? Viele Superfoods gilt es auch ökologisch zu hinterfragen, wie etwa Quinoa, deren Hype inzwischen zum maßgeblichen Armutsproblem in den Anden geführt hat. Worauf ich hinaus will? Wieder regionaler zu essen, auch für die Umwelt – und ein bisschen weniger Hysterie, was die Ernährung betrifft. Der Griff zu Lebensmitteln, die schon unsere Urgroßeltern und Großeltern gegessen haben, kann nicht so falsch sein – man muss ja nicht in die Steinzeit gehen wie die AnhängerInnen von Paleo, von denen sich einige regelrechte Fleischberge einverleiben. Unsere Großeltern haben auch nicht jede Woche Fleisch gegessen und sind sorgsam mit Lebensmitteln umgegangen. Weder hatten die Menschen damals unseren Luxus, noch unsere Luxusprobleme. Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass man neuerdings wieder auf Weißbrot schwört, meinte sie: „Ja, eh, dass war früher das Essen für die Alten und Kranken.“ Keine Sorge, ich bin keine Nostalgikerin, ich werde weiterhin meine morgendlichen Avocados essen, aber auf einem Brot aus Weißmehl Sauerteig bevorzugt. Denn Brot macht sexy. Pasta auch. Sophia Loren hat schon immer gestrahlt (die glutenfreien Girls behaupten immer zu strahlen). Es muss an der Pasta liegen! Am Ende fällt mir jetzt doch noch der Name des Mädchens aus dem Schulbus ein: Sie hieß Manuela.

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