Minsk – Monumentale Musterstadt

Lange Zeit war Weißrussland für mich ein völlig unterbelichteter Staat. Ich wusste gerade einmal, dass Alexander Lukaschenko das Land eisern regiert, also undemokratisch, autoritär und vom Rest der Welt isoliert. Ich kannte niemanden, der schon dort war, kaum Fotos und auch keine Reiseberichte. Warum ich dennoch unbedingt hinfahren wollte, liegt an einem Buch, das mir zufällig in die Hände gefallen ist: „Minsk. Sonnenstadt der Träume“, von dem weißrussischen Autor Artur Klinau. Das in der edition suhrkamp erschienene Buch ist eine Mischung aus ironischer Biografie, originellem Stadtporträt und minimalistischem Fotoband. Klinau erzählt vom großen russischen Phantasma, das die Hauptstadt Minsk widerspiegelt: die kommunistische Utopie einer perfekten Stadt, einer „Sonnenstadt“. Besonders ein Satz blieb mir aus dem Buch lange in Erinnerung: „Du spürst, dass dein Körper eine vernachlässigbare Größe auf dieser riesigen Fläche ist“. Der Mensch schrumpft im Angesicht der schieren Größe dieser sowjetischen Musterstadt, die einige Plätze besitzt, die sogar größer sind als der Rote Platz in Moskau. Ich wollte diese monumentale, seltsame Stadt sehen, in der man sich so klein fühlt – und ich wollte Artur Klinau treffen. Im Juni 2008 brach ich also auf in „die letzte Diktatur Europas“.

Ein Visum für Weißrussland ist schnell besorgt, der Andrang auf der Botschaft hält sich in Grenzen. Im Lonley Planet fand ich einen perfekten Wohn-Tipp. Belarus Rent vermietet sehr günstig Appartements im Zentrum, die modern, geräumig und sauber sind, und von der Lage trotzdem einen typisch russischen Hinterhofcharme ausstrahlen. Juri von der Agentur holt einen auf Wunsch auch vom Flughafen ab und organisiert Ausflüge ins Umland. Der Flughafen ist winzig, gerade einmal zwei Gates habe ich ausfindig machen können. Beim Abflug werde ich noch mehr staunen: Auf kleinen TV-Bildschirmen laufen alte, dramatische Schwarzweißfilme. Die Zeit läuft also eher langsam in Minsk.

Der erste Eindruck von Minsk ist beeindruckend: Riesige Boulevards, aber auch viele Parks, die sehr gepflegt aussehen. Minsk scheint stolz darauf zu sein, eine saubere Stadt zu sein. Der zweite Eindruck: Minsk ist zwar monumental, aber trotzdem klein genug, um fast alles zu Fuß zu erledigen. Ich bin mit einer Freundin unterwegs, die russisch spricht, trotzdem glaube ich, dass man sich auch ohne Russisch-Kenntnisse gut durchschlagen kann. Vor allem Teenager sprechen nicht nur englisch, viele wollen auch Deutsch lernen. Wir werden ein paar Mal darauf angesprochen, ob wir die Band Tokio Hotel kennen und mögen. Kommt man ins Gespräch mit den Einheimischen, dann staunt man, wie viel sie über Europa wissen. Man ist beschämt, wie wenig wir in Europa eigentlich über Belarus mitbekommen. Wenn die erste Aufregung um die Wiederwahl Lukaschenkos und die brutal niedergeschlagenen Demonstrationen, von denen man gerade liest, vorbei sind, wird es wahrscheinlich wieder ruhig werden in den Medien. Und das seltsam anachronistische Land mit seinem eisernen Diktator, der wie aus einer anderen Zeitrechnung wirkt, kommt einem wieder weit, weit weg vor. Dabei fliegt die AUA von Wien aus mehrmals die Woche direkt nach Minsk: In nur drei Stunden ist man dort.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Connect with Facebook

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>