Minsk – Monumentale Musterstadt


Wir wohnen direkt am Ploshad Peramohi, dem Siegesplatz, der gleich einen guten Eindruck davon gibt, was es heißt eine „Heldenstadt“ zu sein, also, eine jener Städte, die im Zweiten Weltkrieg besonders standhaft gegen den Einmarsch der Wehrmacht kämpften. Am Platz ragt eine riesige Säule aus dem Boden, und es brennt eine „ewige Flamme“. Aber unterirdisch geht die Inszenierung weiter. 1985 wurden die Namen von 566 Soldaten in Stein gehauen. Die Lichtinstallation in der Unterführung sieht aus, wie von Stanley Kubrick entworfen, sie ist ein retrofuturistisches Meisterwerk. Spaziert man das ehemalige Praspect Francysca Skaryny (heute: Praspect Nazavisimosti) entlang, kommt man schnell zu zwei großen Parks, linkerhand der Gorky Park, beliebtes Wochenendziel mit Kindern und rechts der wildwüchsigere Park Janki Kupaly. Ein bisschen bergauf, und schon ist man im Zentrum, dem Platz der Republik. Der riesige, leere Platz wird flankiert von der Konzerthalle und dem Kriegsmuseum, das man unbedingt besuchen sollte. Wie in vielen Ostländern geht es darum, den Zweiten Weltkrieg (oder wie man dort sagt: den großen Vaterländischen Krieg) als möglichst emotionalen Erlebenisraum zu präsentieren. Damit die Schrecken wach bleiben. Und sicher auch, damit die kommunistische Propaganda besser greift. Auf der Decke hängen Kampfflugzeuge, Kriegslärm wird simuliert, und ein KZ ist mit Puppen nach gebaut. Man sieht Fotos von im Krieg erhängten Weißrussen. Irritierend ist nicht nur der rein emotionale Zugang zur eigenen Geschichte, sondern auch wie nahtlos von den Schrecken der Nazi-Herrschaft ungebrochen auf kommunistische Propaganda umgestellt wird.

Wie prägend und verheerend der Zweite Weltkrieg für Weißrussland war, sieht man nicht nur in diesem Museum – Minsk wurde fast zu 95 Prozent zerstört – sondern auch bei einem Ausflug ins Umland. Die Kriegsgedenkstätte von Chatyn, 54 Kilometer von Minsk entfernt, ist ein auch architektonisch interessantes Mahnmal, das stellvertretend an die Millionen von den Nazis ermordeten Juden in diesem Gebiet erinnert. Am besten man verbindet einen Ausflug nach Chatyn mit einem Besuch der durchaus skurrilen „Stalin-Linie“, einem Open-Air-Museum, das rund 30 Kilometer von Minsk liegt. Jede Menge an Panzern, Flugzeugen und Schützengräben sollen dort plastische Eindrücke vom Zweiten Weltkrieg vermitteln. Das riesige Areal ist ein Schrottplatz für alte Waffen, in der Mitte steht eine große Tribüne, weil zu Feierlichkeiten auch diverse Schlachtszenen nachgespielt werden. Erstaunlicherweise kann man dort sogar Magneten für den Kühlschrank mit abgebildeten Panzern kaufen. Und in der kleinen Zelt-Kantine fühlt man sich wie bei einem Kriegseinsatz: es gibt Bohnensuppe, fette Wurst und löslichen Kaffee. Schießstände stehen in der Nähe. Und, will man im Schützengraben einen Stahlhelm aufsetzten, um für eine Foto zu posieren, ist das natürlich auch kein Problem.

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