Minsk – Monumentale Musterstadt

Doch zurück ins Zentrum von Minsk. Gleich beim Hauptplatz findet sich eine schöne Konditorei, die beinahe K&K-Charme ausstrahlt, die bunten Fliesen über der Theke erzählen von reicher Ernte. Im selben Gebäude ist ein großer Supermarkt, und direkt auf der anderen Straßenseite eine Restaurant-Kette, die günstig weißrussische Klassiker serviert (die Speisekarte ist mit Fotos). Der Eingang zur U-Bahn ist auch beeindruckend: Dort hängen zahlreiche Mosaike – auch mit Astronauten. Überhaupt gibt es allerorten großartige Details zu entdecken in dieser architektonisch so streng durchkomponierten Stadt. Und vieles war moderner als gedacht: Der letzte Hit war es gerade, Sushi zu essen, wer es sich leisten konnte, hing in der Kette „Planeta Sushi“ ab. Jugendlichen-Treffpunkte sind die gar nicht so seltenen Internet-Cafés der Stadt – das größte liegt im Zentrum und heißt soyuz-online, es ist zugleich einer der wenigen Homosexuellen-Treffpunkte der diesbezüglich sehr repressiven Stadt.

Ich treffe Artur Klinau dann auf einer Design-Messe, die gerade stattfindet. Er ist erzählt, dass die sowjetische Architektur nicht unter Denkmalschutz steht. Ein Investor aus Dubai wollte einen 35-stöckigen Wolkenkratzer, der als Hotel genutzt werden sollte, mitten ins Zentrum bauen, etliche Gebäude hätten dafür abgerissen werden sollen, das ganze architektonische Ensemble wäre zerstört worden. Die Investoren hätten es sich im letzten Moment aber doch anders überlegt. Für ihn stellt sich allerdings die Frage: Warum kommen Touristen überhaupt nach Minsk? Die Antwort ist für Klinau klar: Sie wollen eine stalinistische Musterstadt sehen, aber, und da beginnt Klinaus architektonischer Wunsch, sie wollen auch das alte Minsk sehen, das zu einem sehr kleinen Teil noch vorhanden ist. Der Rest könnte, geht es nach ihm, rekonstruiert werden. Er zeigt Pläne, wie diese historischen Viertel aussehen könnten. Minsk wurde im Laufe der Geschichte achtmal zerstört: Kein Wunder also, dass man historische Viertel einfach neu bauen möchte. Was sich jedoch abzeichnet: Das Gesicht von Minsk wird sich in den nächsten Jahren stark verändern. Schon jetzt liest man von zahlreichen Bauprojekten. Ein Wiener Architektenbüro etwa soll Weißrusslands höchstes Gebäude, den „Minsk Tower“, der als Büroraum fungieren soll, errichten.

Spaziert man vom Hauptplatz weiter den großen Boulevard entlang, passiert man das KGB-Gebäude, und auf der anderen Straßenseite steht wohl eine der letzten Büsten dieser Art: Sie zeigt den Foltermeister und Geheimdienstgründer Felix Dzerzhinsky. Ein gutes Stück weiter zu Fuß wartet dann die große Leere: der Unabhängigkeitsplatz, auf dem eine Lenin-Statue steht, ist so riesig, dass es einem die Sprache verschlägt. Man kommt sich wirklich winzig vor.

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