Minsk – Monumentale Musterstadt

Mit der U-Bahn kommt man direkt zur großen Markthalle von Minsk, dem Komarovsky Markt, der von außen eher unspektakulär aussieht. Im Inneren reiht sich ein Stand an den anderen, Berge von Sauerkraut türmen sich, und die Verkäuferinnen tragen alle dieselben Schürzen und Kopftücher. Die Markthalle ist einer meiner Lieblingsplätze in Minsk. Abgesehen von den vielen Parks, in denen man entspannt sitzen kann. Überhaupt ist Minsk überraschenderweise eine sehr relaxte und unhektische Stadt. So schwierig das Leben in Weißrussland auch sein mag, die Menschen lassen es sich nicht unbedingt ansehen. Beim Treffen mit dem Belarus Free Theatre, die in einem Privathaus proben und zur Vorstellungen per SMS laden, um den polizeilichen Übergriffen zu entgehen, erfahre ich dann viel über die Stimmung im Land. 2006 als Lukaschneko, der seit 1994 im Amt ist, zur Wahl antrat, sah es fast aus, als wolle Weißrussland ähnlich wie die Ukraine schon zuvor, eine „orange Revolution“ starten. Brutal wurden die Proteste damals niedergeschlagen. „Die Menschen haben dadurch ihre Hoffnung verloren, sie sind müde geworden“, erzählen die Schauspieler, die zensurierte Autoren wie Sarah Kane erstmals in ihrer Heimat aufgeführt haben, bei meinem Besuch 2008. Viele junge Menschen seien zwar gegen dieses Regime – allerdings nicht aktiv. Wer kann, geht ins Ausland, um dort zu studieren. Wie die Demonstrationen 2010 gezeigt haben, ist doch viel Widerstandskraft da. Besonders rosig sieht die Zukunft ohne Hilfe aus dem Westen allerdings weiterhin nicht aus: die Leitung des Theaters wurde, wie so viele andere Künstler, im Dezember 2010 inhaftiert. 600 Menschen waren die Weihnachtsfeiertage über in Haft, die komplette Opposition ist lahmgelegt.

Die Altstadt heißt auch Oberstadt und beginnt an der Metrostation Njamiha, gegenüber der Kathedrale St. Peter & Paul. Einige andere Kirchen finden sich hier, die Oper und auch die „Insel der Tränen“, auf der ein Denkmal der in Afghanistan gefallenen Kämpfer steht. Stellenweise fühlt man sich hier wie im litauischen Vilnius. Mir ist es hier zu putzig, aber im Kontrast zur sonstigen Gigantomanie der Stadt ist dieses Kleinstädtische doch erholsam. Das Na Nemige-Kaufhaus mit der Revolutionsfassade ist auch in dieser Ecke.

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