Beirut – Einschusslöcher und Bauboom

Beirut, Pigeon Rocks

Beirut, Corniche

Beirut, Pigeon Rocks

Hamra liegt auch deshalb gut, weil man von hier aus locker zu Fuß zur Corniche, der prachtvollen Küstenstraße, schlendern kann, wo man am ehesten ein Gefühl für den verblichenen, melancholischen Charme der Stadt bekommt. Familien bummeln und werfen einen Blick auf die Pigeon Rocks, ein Wahrzeichen der Stadt. Morgens joggen verschleierte Frauen. Nachmittags zeigt man sich, trifft Freunde, flaniert. An die Panzer und die Polizisten, die an so vielen Punkten der Stadt positioniert sind, habe ich mich nach zwei Tagen schon gewöhnt. Vom politischen Totalzustand, der das Land mitunter lähmt, merkt man zumindest an einem gemütlichen Sonntag wenig. Ich treffe Rabih Mroué im sympathischen Open-Air-Café Rawda an der Corniche. Man kennt sich hier, Beirut wirkt in dem großräumigen Café mit den Plastiktischen wie ein gemütliches Dorf. Rabih Mroué, Schauspieler, Regisseur und Autor, 1967 in Beirut geboren, gehört zu jener Generation von Künstlern, die im Libanonkrieg aufgewachsen sind. In seinen minimalistischen Doku-Performances geht es oft darum, wie wenig die Bürgerkriegsvergangenheit des Landes bis heute aufgearbeitet worden ist. Er macht mich darauf aufmerksam, dass an den Häusern noch immer Plakate von Vermissten hängen. „Die Gründe für den Krieg sind immer noch da“, sagt Mroué: „Die Toten des Bürgerkriegs wurden von der Polizei selbst nach dem Krieg als mediale Waffe eingesetzt.“ Man blickt lieber nach vorne, anstatt sich mit der traumatischen Vergangenheit zu beschäftigen. Die schwierige, nicht immer geglückte Gratwanderung zwischen kollektivem Gedächtnisverlust und notwendiger Aufbruchsstimmung scheint in Beirut zumindest viele Intellektuelle und Künstler sehr zu beschäftigen. Im Libanon gibt es übrigens weder Stipendien noch Subventionen für Künstler.

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