Beirut – Einschusslöcher und Bauboom

Beirut, links Holiday Inn Hotel

Um die Ecke liegt auch Gemmayzeh, die Ausgehmeile der Stadt. Ein Nachtclub reiht sich an den anderen, David Guetta tritt die Tage auf, wie zahlreiche Plakate ankündigen. Mich interessiert das Nachtleben aber gerade nicht, ich bin nur drei Tage in der Stadt und möchte am nächsten Morgen unbedingt noch zwei Institutionen besuchen: die Arab Image Foundation und die Galerie Sfeir-Semler. Die Arab Image Foundation ist in einem Hochhaus zwischen Downtown und Hafen im letzten Stockwerk untergebracht. Hier werden Alltagsbilder gesammelt, die der arabische Raum von sich selbst macht: also jenseits von westlichen Stereotypen. Es gibt tolle Fotobücher, in denen die Sammlung präsentiert wird, und Ansichtskarten. Ich rufe an, um einen Termin auszumachen – ich weiß gar nicht, wie öffentlich das Archiv eigentlich ist (also bei Interesse am besten vorher noch mal genau im Internet recherchieren). Absolut spektakulär ist der Blick von der Dachterrasse, der erneut eine Stadt zwischen traumatischer Vergangenheit und eiligem Aufbruch zeigt. Im Hafen wächst ein Hochhaus nach dem anderen aus dem Boden – ein paar hundert Meter weiter thront noch immer, wie ein Mahnmal des Bürgerkriegs, die mit Einschusslöchern übersäte Bauruine des einstigen Holiday Inn Hotels. Beirut, so scheint es manchmal, möchte das neue Dubai werden: Es wird gebaut, was das Zeug hält.

Beirut, Taxi

Man muss in Beirut unbedingt Sammeltaxi fahren. Ich wusste einmal die genaue Adresse nicht, nur die ungefähre Richtung, in die ich fahren wollte. In so einem Fall sind Sammeltaxis ideal – ich wurde im Auto zudem perfekt beraten. Eine Mitfahrerin erklärte mir, wo es die besten Süßigkeiten der Stadt gibt: Die Einheimischen schwören auf Goodies, die Hauptfiliale liegt auf der Verdun-Straße in einem eher schicken Stadtteil, in den ich sonst gar nicht gekommen wäre. Bei Goodies bekommt man alles, es ist eine Art Feinkostladen, der sämtliche Gewürze und wirklich grandiose Süßigkeiten führt. Hier habe ich auch Mastix gekauft, ein Baumharz, aus dem man etwa auch Eis herstellen kann.
Ein zweite Taxifahrt werde ich nie vergessen: Ich wollte in die Galerie Sfeir-Semler fahren, die fernab der Touristenecken in einer Industriezone liegt. Mein Taxifahrer sieht aus wie 15 und spricht kaum Englisch. Er telefoniert mit der Galerie, um sich den Weg erklären zu lassen, was auch nicht viel bringt. Aber er hat eine gute Idee: Er ruft eine Freundin an, die kurzerhand zusteigt und die Sache in die Hand nimmt. Die beiden finden es selbst abenteuerlich, einen Ort zu suchen, von dem sie noch nie gehört haben. So viel Spaß wie mit dem schüchternen Jungen und seiner kompetenten Freundin habe ich selten in einem Taxi gehabt. Endlich angekommen, erklärt Galeristin Nathalie Khoury, warum die Galerie, die ihren Hauptsitz in Hamburg hat, 2006 ausgerechnet in dieser unwirtlichen Ecke von Beirut  eröffnete: „Es geht nicht darum, dass die Mieten hier günstiger sind. Wir wollten einen Ort, der neutral ist, frei von religiösen oder politischen Zuschreibungen. Und so einen Ort findet man in der Innenstadt einfach nicht.“ Beachtliche 1000 Quadratmeter umfasst das helle Fabrikloft im vierten Stock. Die Galerie versteht sich als Vermittlerin zwischen den Kulturen. „Der Markt hier ist sehr klein und die Regierung als Finanzgeber abwesend“, erklärt Khoury und fügt hinzu: „Mit Zensur hatten wir bisher keine Probleme.“

Beirut, Baustelle Corniche

Fazit: Ich mag Beirut sehr, glaube aber, dass die Stadt sich rapide verändert. Vielleicht wird es ja wieder das Paris des Ostens – vielleicht auch nur ein hohler Dubai-Abklatsch. Ich finde also, man sollte möglichst bald hinfahren, bevor die Busse kommen.

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